Seit 1899

 

Frau Amalia Egli eröffnete 1899 das erste Reformhaus der Schweiz an der Kirchgasse in Zürich.

 

«Das Gute liegt darin, dem Wirken der Natur zu folgen.»

Geschichte

110 Jahre Genuss und Lebensfreude

 

Amalia Egli

Frau Amalia Egli eröffnete 1899 das erste Reformhaus der Schweiz an der Kirchgasse in Zürich. Damit war die Firma Egli eine der ersten Schweizer Anbieterinnen mit einem konsequent auf die Kundenbedürfnisse ausgerichteten Angebot an gesunden und vollwertigen Lebensmitteln.

«Das Gute liegt darin, dem Wirken der Natur zu folgen.» Diese alte asiatische Lebensweisheit prägte die Egli-Gruppe vom ersten Tage der Gründung an. Vom damaligen Zeitgeist mit ökologischen und ökonomischen Herausforderungen des frühen Industralisierungszeitalters geprägt, legte die charismatische Pionierin Amalia Egli den Grundstein der heutigen Egli-Gruppe mit der 110-jährigen Erfolgsgeschichte. Amalia Egli wäre stolz auf unser heutiges Wirken und der damit verbundenen Entwicklung der Gruppe vom der gesunden Ernährung verschriebenen Reformhaus der Gründerzeit zum heutigen Biofachgeschäft mit dem vielfältigen Sortiment an biologischen und nachhaltig hergestellten Produkten.

Sowohl dem damals eher skeptischen, aber euphorischen Zeitgeist, den Wirren der Kriege, der schwierigen Nachkriegszeit, dem stürmischen Aufbruch der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, als auch dem Eintritt ins 21. Jahrhundert stellte sich die Egli-Gruppe immer wieder von Neuem. An den interessanten Herausforderungen und den Wünschen der Kunden wuchs die Egli-Gruppe.

Ihnen allen, liebe Kundinnen und Kunden, möchten wir für die Treue über die vielen Jahre herzlichst danken. Es ist unser oberstes Ziel, Ihnen biologische, nachhaltig hergestellte und genussvolle Produkte anzubieten. Liebe Leserin und liebe Leser – tauchen Sie ab in die interessante Egli-Biofachwelt, wir erzählen Ihnen mehr über die Reformbewegung, die Geschichte der Egli-Gruppe und Spannendes zu den verschiedenen Sortimentsbereichen in unserer Jubiläumszeitung, die Sie ab sofort in unseren Filialen kostenlos erhalten.

 

Industrialisierung und Gründerjahre

«Das Maschinenwesen vermehrte sich im Lande und bedrohte die arbeitsamen Hände nach und nach mit Untätigkeit.» 1826, als Goethe seinen Roman «Wilhelm Meister» abschloss, wurde die erste Fabrikanlage des Zürcher Oberlands, die Spinnerei Neuthal, erbaut. «Zeisige und Stieglitze in aufgehängten Käfigen zwitschern dazwischen, und nicht leicht möchte ein Bild regeren Lebens gefunden werden als in einer Stube, wo mehrere Spinnerinnen arbeiten.» Die Oberländer Spinnerinnen und Spinner erlebten in den Jahren nach Goethes bzw. Wilhelm Meisters idyllischer Beschreibung anderes. In der Dunkelheit des Morgens brachen die Kinder verarmender Bauernfamilien auf den Hügeln des Zürcher Oberlands auf und kamen sechzehn Stunden später von der Arbeit in der Spinnerei müde wieder nach Hause. Fünfzig Jahre später, nach dem deutsch-französischen Krieg, waren die industriellen Fertigungsmethoden weit fortgeschritten. Französische Reparationszahlungen sorgten in Deutschland für einen Wirtschaftsboom. Eisenbahnen wurden gebaut. Die industrielle Produktion entwickelte sich explosionsartig.

Die Arbeitswege und -zeiten waren lang, die Essenspausen kurz. 1869 übernahm Julius Maggi die Hammermühle in Kemptthal. Inspiriert von den Gedanken des Arztes und schweizerischen Fabrikinspektors Fridolin Schuler suchte er Wege zur besseren Ernährung der Fabrikarbeiter. Drei Jahre vorher waren die zwei Unternehmen gegründet worden, die später zur Firma Nestlé zusammengeführt wurden. Den in die Städte gezogenen Arbeitern waren die Grundlagen der Selbstversorgung entzogen. Ihre Ernährung war völlig unzulänglich. Alkoholismus breitete sich aus. Industrietechnologisch hergestellte Nahrungsmittel, denen wir heute kritisch gegenüberstehen, waren damals eine Ernährungserrungenschaft für breite Bevölkerungsschichten. Es war die Zeit, als Amalia Egli zur Welt kam. In welchem kulturellen Milieu wuchs sie auf?

 

Lebensreformbewegung als Reaktion

Die Zeit nach 1871 hatte zu ökonomischer Prosperität und relativer Stabilität geführt, liess allerdings die Negativfolgen der Modernisierung schlagartig hervortreten: Die Städte wuchsen unkontrolliert, die sozialen Antagonismen verschärften sich. Auch heute können wir immer wieder feststellen, dass schnelle Modernisierungsprozesse die Sehnsucht nach dem früheren (vermeintlichen) Paradies wecken und oft in die fundamentalistische Reaktion führen.

Eine Reaktion war auch die «Reform», teils rückwärts, teils vorwärts gerichtet. Gegenüber der als «Zivilisation » gebrandmarkten Gegenwart suchten die Reformer nach einer wahren «Kultur». In der Tat erfasste die Reformbewegung, die sich in unzählige, vielfach vernetzte Gruppierungen zersplitterte, annähernd alle Bereiche menschlichen Lebens: Reformpädagogik, Reformkleidung, Tanzreform, Vegetarismus, Freikörperkultur, Wandervogelbewegung, Jugendbewegung, Gartenstadtbewegung, Bodenreform, Heimatkunst, Kunstgewerbereform. In kultureller Hinsicht gehören allerdings auch die Anfänge der völkischen Bewegung in den Kontext der Lebensreformbewegung.

1901 wurde der «Wandervogel» gegründet. Seine Mitglieder waren zivilisationskritisch eingestellt, hatten also grösste Abneigung gegen die Verstädterung der Gesellschaft und zogen sich auf die für heil angesehene ländliche Idylle zurück. 1909 wurde mit der «Jugendherberge» eine Übernachtungsgelegenheit für die wandernde Jugend geschaffen. Sie hat als Zeitzeugin überlebt. Ebenso war das «Reform-Haus» Teil der äusserst vielfältigen Bewegung, von der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen bis zum Mekka der kulturellen Querdenker auf dem Monte Verità in Ascona. Wo in dieser Vielfalt war Amalia Egli zu Hause? Was bewegte sie dazu, Ernährung zu ihrem Anliegen zu machen?

 

Ernährungsreform

In Deutschland stieg bis etwa 1880 der Konsum von Roggen, bis um die Jahrhundertwende der Konsum von Weizen. Danach ging der Verbrauch der Getreide zurück, besonders ausgeprägt war der Rückgang bei Roggen. Dagegen sind ab 1880 Zunahmen des Verbrauchs von Zucker, ab 1890 von Speiseöl und Margarine festzustellen. Der Konsum raffinierter, «denaturierter» Lebensmittel stieg. Bereits 1887 eröffnete Carl Braun sein Lebensmittel-Einzelhandelsgeschäft unter dem programmatischen Namen «Gesundheits-Zentrale». In der Regel wird die Gründung des ersten Reformhauses Deutschlands (Wuppertal) auf 1890 datiert.

Die Betreiber und Kunden der ersten Reformläden strebten als Lebensreformer nach einer gesünderen Lebensweise. Sie waren Vegetarier oder Anhänger der Naturheilbewegung. Der Mensch, forderten sie, solle auf die Stimmen der Natur hören, auf den eigenen Instinkt. Er solle naturbelassene oder nur wenig verarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen, sich viel an der frischen Luft bewegen und auf künstliche Genussmittel wie Alkohol und Nikotin verzichten. Viele Verfechter dieser naturgemässen Lebensweise fühlten sich einer «warmen Welle» zugehörig, einer Bewegung, die zugleich ein gesünderes Volk, eine vitalere, kräftigere Gesellschaft schaffen wollte. Ihre Nahrung, Kleidung, Massagebürsten und Körperöle kauften die Lebensreformer in kleinen Läden, die meist Gesinnungsgenossen betrieben: eben in den Reformhäusern. Wer waren die Gesinnungsgenossen von Amalia Egli?

 

Das Reformhaus bis zum und während des zweiten Weltkriegs

Die Jahre von 1918 bis 1933 waren durch ein sich rasch erweiterndes Netzwerk der Reformwarenhändler und Reformhausbetreiber gekennzeichnet. In einer während des Krieges herausgegebenen Broschüre werden für die Schweiz 34 Reformhäuser verzeichnet. Von der Gleichschaltung in Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945 waren Teile der Lebensreformbewegung wenig berührt.

So weit sie sich rückwärts gewandt an einer heilen Welt orientierten oder gar völkisch orientiert waren, waren sie der nationalsozialistischen Propraganda gegenüber offen. Die wenigen jüdischen Mitglieder wurden bald aus den Vereinen – auch aus dem Reformverband – ausgeschlossen. Folgerichtig verband sich zumindest ein Teil der Lebensreformer mit dem neuen Regime, die meisten Reformhäuser bestanden auch unter den neuen politischen Vorzeichen fort.

Unter dem Regime der Nahrungsmittel-Rationierung in der Schweiz boten die Reformhäuser Alternativen. So schreibt der schweizerische Reformhaus-Pionier Rudolf Müller in der vom Verband herausgegebenen Broschüre «altmodisch oder neuzeitlich?»: «Heute im Krieg, wo der Zucker ausserordentlich rar ist, ist man um diesen Naturzucker ausserordentlich froh.» – gemeint war z.B. Obstsaftkonzentrat. Der grosse Anbauflächen beanspruchende Fleischkonsum, der heute im Rahmen der Welternährung thematisiert wird, wurde seitens der Reformbewegung ebenfalls angesprochen. In derselben Broschüre zeigt Rudolf Müller auf, dass mit einer Hektare Land fünf Fleisch essende oder zwanzig Kartoffeln oder Gemüse essende Personen ernährt werden könnten. «Aus dieser frappierenden Erkenntnis heraus zeigte sich plötzlich, dass die Lebensweise der verlachten ‹Sektierer› die Schweiz vor einer Hungersnot retten könnte.» Das Zitat zeigt allerdings, dass Vegetarier und Reformhäuser Aussenseiter blieben.

 

Reformhaus und Bioladen

Die im Reformhaus zu kaufenden Lebensmittel hatten Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem, was wir unter biologischen Lebensmitteln verstehen, noch wenig zu tun. Es bildete sich zunächst der so genannte natürliche Landbau heraus, der als landwirtschaftlicher Ausleger der Lebensreformbewegung zu verstehen ist. Er basierte wesentlich auf der Grundlage einer landwirtschaftlichen Bakteriologie und allgemeinen Bestrebungen, wieder stärker im Einklang mit der Natur zu leben. Als Beginn der biologischen Landwirtschaft wird allgemein der so genannte landwirtschaftliche Kurs von Rudolf Steiner auf einem gräflichen Gut in Koberwitz angesehen. Die Reformhäuser boten Bioprodukte an. Sie profilierten sich allerdings nicht primär mit der Produktionsweise, sondern stärker mit Aspekten der Gesundheit, wozu auch Nahrungsergänzungsmittel gehörten. An der meist weissen Berufskleidung der Verkäuferinnen zeigte sich, dass die Reformhäuser eine nähere Verwandtschaft zur Drogerie oder Apotheke als zum Lebensmittelhandel betonten. Inhaber von Reformhäusern waren oft kräuterkundig und bewandert in Homöopathie. Diese «paramedizinische» Ausrichtung begann zum Problem zu werden, als ab etwa 1980 sich stärker an Ökologie als an gesunder Ernährung orientierte Bioläden gegründet wurden, deren Ziel es war, möglichst ausschliesslich Produkte aus biologischem Landbau anzubieten. Viele Reformhäuser machten bezüglich Qualität der Rohstoffe noch lange Kompromisse. Das nagte an ihrer Glaubwürdigkeit.

 

Egli als Fachgeschäft mit Qualitätsprodukten

Die Reformbewegung hatte zwar von Anfang an ein enges Verhältnis zu den Vorläufern der Biobewegung. Da Bioprodukte zunächst aber ohnehin kaum verfügbar waren, bezogen sich die Reform-Qualitätsanforderungen vor allem auf die Verarbeitung: Beispielsweise Brot und andere Getreideprodukte aus dem ganzen Korn, nicht aus Weissmehl, dem die meisten ernährungswichtigen Inhaltsstoffe entzogen sind. Das Reformhaus machte Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, Dörrobst usw. für eine vielfältige Ernährung zugänglich, die aus dem Lebensmittelhandel teilweise verschwunden waren. Die Herkunft aus biologischem Anbau war früher nur eines der Kriterien. Nun wurde es in den Egli-Fachgeschäften ins Zentrum gerückt. Was verstehen wir unter Qualität? In Anknüpfung an die Motive der Reformbewegung kann man «Ganzheitlichkeit» als zentrales Motiv nennen. In der biologisch-dynamischen Bewegung wurde es früh und konsequent aufgegriffen, hier spricht man vom Hoforganismus. Bei jedem lebendigen Organismus unterstützen sich die verschiedenen Teile oder Organe. Dieses Prinzip soll auch in der Produktion gelten: Futter für die Tiere wird weitgehend auf dem Hof produziert, nicht zugekauft. Der Dünger wird mit dem Mist der Tiere selber hergestellt, nicht zugeführt. Deshalb trifft man auf den Orangenhainen unserer Demeter-Lieferanten in Sizilien auf Kühe, dasselbe auf den Plantagen unseres Bananenlieferanten in der Dominikanischen Republik. Sie produzieren zwar auch Milch, ihr Mist ist aber als Dünger mindestens ebenso gefragt. In der Plantagenwirtschaft ist das sehr ungewöhnlich, aber vom Gedanken der Ganzheitlichkeit gefordert. Ebenso wichtig ist das Postulat der Ganzheitlichkeit bei der Verarbeitung. Während Vollmilch normalerweise ein Produkt ist, das zunächst in seine Fett- und Magermilchbestandteile getrennt und anschliessend wieder zur Standardmilch zusammengesetzt worden ist, vermeidet eine der Ganzheitlichkeit verpflichtete Verarbeitung solche Verarbeitungsschritte, bei der Milch möglichst auch auf die Homogenisierung. Allerdings werden zu Gunsten des Konsumentengeschmacks auch immer wieder Konzessionen gemacht. Wer etwas Italianità zelebrieren will, wird helle, d.h. raffinierte Teigwaren vorziehen. Das Egli-Fachgeschäft befriedigt auch seine Bedürfnisse, es bietet ihm dazu auch den Wein an, der noch vor zwanzig Jahren im Reformsortiment nichts zu suchen hatte. Die Zeiten haben sich geändert.

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